Wie entsteht ADHS?

Was verursacht ADHS?

"ADHS-Kinder sind nicht wirklich krank, sondern nur ein Produkt falscher Erziehung und moderner Lebensgewohnheiten, bei denen Fernseher und Videospiel schon längst Sport und Spiel im Freien abgelöst haben". Derartige Vorurteile tauchen in der Diskussion um die Ursachen von ADHS immer noch häufig auf. Dabei ist wissenschaftlich gut belegt, dass die Verhaltensstörungen von ADHS-Kindern durch eine neurobiologische Funktionsstörung im Gehirn ausgelöst werden. In den Gehirnabschnitten, die für die Konzentration, Wahrnehmung und Impulskontrolle zuständig sind, ist das notwendige Gleichgewicht wichtiger Botenstoffe gestört. Diese sogenannten Neurotransmitter sind maßgeblich für die Informationsverarbeitung ankommender Reize verantwortlich.

Was passiert im Gehirn?

Eine wichtige Rolle bei der Signalübertragung von einer Nervenzelle zur anderen spielen die beiden Botenstoffe Dopamin und Noradrenalin. Man geht davon aus, dass bei einer ADHS-Erkrankung Dopamin im Zwischenraum zwischen zwei Nervenzellen, dem sogenannten Synaptischen Spalt, nicht in ausreichender Menge zur Verfügung steht. Die Unterversorgung mit diesem Botenstoff führt zu einer gestörten Informationsweiterleitung zwischen den Nervenzellen. Reize werden nur schlecht und unzureichend gefiltert. Dadurch entsteht eine dauerhafte Reizüberflutung im Gehirn des Kindes. Die für ADHS typischen Auffälligkeiten, wie unaufmerksames, impulsives und hyperaktives Verhalten sind auf die Fülle einströmender, unsortierter Reize und deren mangelnde Informationsverarbeitung zurückzuführen.

Welche Faktoren begünstigen ADHS?

Die Lebensbedingungen der Kinder mit ADHS können sich verstärkend oder bessernd auf die Verhaltensauffälligkeiten auswirken. Ein ungünstiges Lebensumfeld, z. B. fehlende Zuwendung, ein gestörtes Familiengefüge und fehlende Strukturierung des Alltags können Einfluss darauf nehmen, wie stark sich die Störungen ausprägen. Solche ungünstigen Umweltfaktoren können jedoch niemals allein eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung auslösen. ADHS entsteht nur, wenn auch entsprechende Anlagen vorliegen.1

Als weitere begünstigende Risikofaktoren für ADHS gelten: Alkohol, Rauchen und andere Drogen in der Schwangerschaft, Probleme bei der Geburt und Infektionen im Gehirn. Teilweise wird auch vermutet, dass Allergien und Nahrungsmittelunverträglichkeiten ADHS verursachen könnten. Nach den gegenwärtigen wissenschaftlichen Untersuchungen haben Nahrungsbestandteile (z. B. Zucker, Phosphate, Milcheiweiß und Nahrungsmittelzusatzstoffe) jedoch keinen nachweislichen Einfluss auf die Störung.1 Lediglich bei einer sehr kleinen Gruppe von Patienten scheint eine Diät eine Besserung der Symptome zu bewirken.

Ist ADHS erblich?

Studien weisen darauf hin, dass erbliche Faktoren bei ADHS eine wichtige Rolle spielen. So wurde in Untersuchungen mit Zwillingen und Adoptivkindern im Vergleich zu leiblichen Kindern festgestellt, dass etwa die Hälfte aller Eltern, die selbst an ADHS litten, ein Kind mit dieser Erkrankung haben. Etwa 35 Prozent der ADHS-Kinder haben einen Verwandten ersten Grades, der ebenfalls an der Störung leidet.2


1) Heiser P, Smidt J, Konrad K, Herpertz-Dahlmann B, Remschmidt H, Hebebrand J: Ursachen der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung. Kinder- und Jugendmedizin 3, 135-142, 2003
2) Thapar A, Holmes J, Poulton K et al: Genetic basis of attention deficit and hyperactivity. Br J Psychiatry 174:105-111, 1999.