Welche Folgen kann unbehandelte ADHS haben?

Ist ADHS heilbar?

ADHS ist keine reine Entwicklungsstörung, die sich mit der Pubertät "auswächst". Bei etwa einem Drittel der betroffenen Kinder bilden sich zwar die Auffälligkeiten mit zunehmendem Alter zurück, etwa 30-60% aller Kinder, die an ADHS leiden, behalten die Symptome jedoch als lebenslange Störung bis ins Erwachsenenalter bei.1

Die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung ist eine chronische Erkrankung. Nach derzeitigem Erkenntnisstand ist sie nicht grundsätzlich heilbar. Eine Behandlung von ADHS zielt deshalb darauf, die Verhaltensstörungen soweit zu regulieren, dass die betroffenen Kinder sich normal entwickeln können bzw. eine normale Entwicklung nicht gefährdet ist. Für das Kind entscheidend ist, dass bei einer Behandlung seine Lebensbereiche insgesamt im Blick bleiben, damit das Kind in der Familie, der Schule und auch bei den nachmittäglichen Freizeitaktivitäten stabile soziale Beziehungen aufbauen kann.

Denn nur eine individuelle und umfassende Behandlung kann optimal den Verlauf und die Ausprägung der Erkrankung positiv beeinflussen, so dass Kinder und Jugendliche mit ADHS selbstbestimmt am normalen sozialen und gesellschaftlichen Leben teilnehmen, dass sie ein gesundes Selbstwertgefühl ausprägen und die Chance auf ein erfülltes Leben haben können.

Was passiert, wenn ADHS unbehandelt bleibt?

Bleibt eine ADHS unbehandelt, dann kann das für das Kind weitreichende und lebenslange Folgen haben. Die Auswirkungen treffen nicht nur die ADHS-Kinder selbst, sondern auch ihre Familien und ihr weiteres soziales Umfeld.

Welche negativen Auswirkungen hat unbehandelte ADHS auf die ...

  • schulische Entwicklung?
    Schulzeit bedeutet häufig Leidenszeit - besonders für Kinder mit ADHS. Es fehlt ihnen an Ausdauer und Konzentration für die geforderten Aufgaben. Flüchtigkeitsfehler und ständiges Stören des Unterrichts können schnell zu schlechten Noten führen. Auch wenn Intelligenz und Begabung grundsätzlich der Schulform entsprechen, ist die Gefahr einer "negativen Schulkarriere" groß. Etwa 35% der ADHS-Jugendlichen gehen vorzeitig und ohne entsprechenden Abschluss von der Schule ab. Etwa 46% der ADHS-Kinder werden wegen aggressiven Verhaltens von der Schule gewiesen.2 Ein solcher Schulverlauf verringert die Chancen auf dem Arbeitsmarkt erheblich. In der Schule selbst lassen mangelnde Anpassungsfähigkeit an vorgegebene Verhaltensregeln und impulsives Störverhalten Kinder mit ADHS auch im Klassenverband oft zu unbeliebten Außenseitern werden. Durch die Erfahrungen von Ablehnung, Unverständnis und Misserfolgen nimmt die Spirale der negativen Entwicklung ihren Lauf und der Schulalltag wird für diese Kinder zur Qual.
  • soziale Entwicklung?
    Schon im Kleinkindalter kann das auffällige Verhalten von ADHS-Kindern zur Ablehnung bei Spielkameraden führen: Keiner will mit ihnen spielen und sie werden nicht zu Geburtstagsfeiern eingeladen. So können die Kinder nicht lernen, stabile Freundschaften aufzubauen. Sie neigen schon früh zu Depressionen und entwickeln nur geringes Selbstwertgefühl. Diese frühen Erfahrungen sozialer Ablehnung wirken nachhaltig bis ins Erwachsenenalter und erhöhen die Anfälligkeit, in die "falschen Kreise" zu geraten. Untersuchungen konnten nachweisen, dass die Gefahr für kriminelle Handlungen oder Suchterkrankungen bei unbehandelter ADHS deutlich höher ist.3 Häufig ist die Drogen- oder Alkoholsucht auch ein Weg, den "inneren Motor", der ständig auf Hochtouren läuft, herunter zu schalten. In Fachkreisen wird das auch "Selbstmedikation" genannt.
  • gesamte Familie?
    Der Alltag mit ADHS, die ständigen Reibereien und Konflikte zwischen Eltern und Kindern, aber auch der Eltern miteinander, stellen die ganze Familie auf eine enorme Belastungsprobe. Nicht selten kommt es zu heftigem Streit über Erziehungsfragen und zu Schuldgefühlen der Eltern, in der Erziehung ihres Kindes versagt zu haben. Scheidung ist nicht selten die Folge. So kommen in Familien mit ADHS-Kindern 3-5mal mehr Trennungen und Scheidungen vor, als in Familien ohne ein ADHS-Kind.4 Auch die Geschwister sind stark belastet: Die naturgemäß erhöhte Aufmerksamkeit für das "Problemkind" führt zu Eifersucht und Geschwisterrivalität. Durch ein ADHS-krankes Kind werden Eltern häufig gezwungen, ihren Beruf zu vernachlässigen, Teilzeit zu arbeiten, oder die Berufstätigkeit ganz aufzugeben - auch wenn dies finanzielle Einbußen für die ganze Familie und Nachteile für die eigene berufliche Entwicklung bedeutet. In mehreren Untersuchungen konnte nachgewiesen werden, dass Eltern von ADHS-Kindern häufiger an Stress-Symptomen, Schuldgefühlen, sozialer Isolation, Depressionen und Ehekrisen leiden als die Eltern gesunder Kinder.4
  • Gesellschaft allgemein?
    Diese durch ADHS verursachten Gesundheitskosten und die wirtschaftlichen Konsequenzen für die Gesellschaft werden häufig übersehen. Das Missbrauchs- und Suchtrisiko für Alkohol, Nikotin und Drogen liegt bei Jugendlichen mit ADHS deutlich höher.5 Sie sind im Schnitt auch deutlich jünger, wenn sie das erste Mal zu Drogen und Alkohol greifen, als Kinder und Jugendliche ohne ADHS. Studien haben erwiesen, dass die Wahrscheinlichkeit, im Erwachsenenalter wieder von der Sucht loszukommen, bei ADHS-Patienten geringer ist.6

Hinzu kommt, dass die erhöhte Risikobereitschaft von Kindern und Jugendlichen mit ADHS häufiger zu Unfällen mit entsprechender medizinischer Behandlung führt; sie verursachen auch mehr Auto- und Motorradunfälle als Gesunde.7 Die Folgen unbehandelter ADHS sind für die Gesellschaft insgesamt von erheblicher Bedeutung. Der erhöhte Betreuungsaufwand, die stärkere Inanspruchnahme von Gesundheitsversorgung und durch den Arbeitsausfall der Eltern verursachte indirekte Kosten sind Folgen, die letztlich die Gesellschaft trägt. Dies bedeutet gleichzeitig eine gesellschaftliche Verantwortung gegenüber den Betroffenen, damit sie eine angemessen Betreuung und Behandlung erhalten.

1) Biederman J, Mick E & Faraone SV: Age-dependent decline of symptoms of attention deficit hyperactivity disorder: impact of remission definition and symptom type. Am J Psychiatry 157;2000: 816-818
2) Barkley RA: Attention-Deficit Hyperactivity Disorder. A Handbook for Diagnosis and Treatment, Guilford Press, New York 1998
3) Biederman J, Wilens T, Mick E et al: Is ADHD a risk factor for psychoactive substance use disorders? Findings from a four-year prospective follow-up study. J Am Acad Child Adolesc Psychiatry 36;1997:21-29
4) Murphy KR, Barkley RA: Parents of children with attention-deficit/ hyperactivity disorder: psycho logical and attentional impairment. American Journal of Orthopsychiatry 66(1);1996: 3-102
5) Cunningham CE et al: Family functioning, time allocation and parental depression in the families of normal and ADHD children. Journal of Clinical Child Psychology and Psychiatry 17;1998:169-177
5) Wilens TE, Prince JB, Biederman J, Spencer TJ, Frances RJ: Attention-deficit hyperactivity disorder and comorbid substance use disorder in adults. Psychiatr. Serv. 46(8); 1995: 765
6) Barkley RA et al: Driving-related risks and outcomes of attention deficit hyperactivity disorder in adolescents and young adults: a 3 to 5 year follow-up survey. Pediatrics 92: 212-218, 1993
7) DiScala C, Lescohier I, Barthel M, Li G: Injuries to children with attention deficit hyperactivity disorder. Pediatrics 102; 1998: 1415-1421